Barsinghausen. Obgleich es der Abend vor Himmelfahrt war, hatte sich im Historisch-Politische Colloquium eine gute Gruppe gefunden, um Dr. Raif Husseins Vortrag über Gegenwart und Zukunft der Palästinenser in Israel zu hören.
Er begann mit einer kurzen Periodisierung der Geschichte Israels – den Regierungsantritt Netanjahus 2006 sieht er als Beginn der 3. Periode, in der die Mehrheit der Bürger Juden orientalischer Herkunft und im Land geboren ist. Netanjahu entsprach den Veränderungen durch Neuerungen in der Ideologie, vor allem die schriftliche und juristische Formalisierung des jüdischen Charakters des Landes. Mit diesem neuen Israel hat die Welt nun zu tun und alle aktuellen Lösungsvorschläge des Palästinenser-Problems müssen sich auf es beziehen. Die Zweistaatenlösung habe durch die ideologische und politische Wendung zum ganzen Territorium an Realisierungsmöglichkeit verloren. Husseins eigener Lösungsvorschlag war die Forderung nach Zusammenleben von Palästinensern und Juden in einem föderal aufgebauten Israel. Das sei gewiss ein langer und schwerer Weg, aber weitere Separation der Ethnien werde die Konflikte weiter verschärfen und zu neuen Massenverbrechen führen, wie das die Katastrophe des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober am Gaza-Streifen war.
Die lebhafte Diskussion schweifte anfangs in die Geschichte des Konflikts ab, welche Partei zu welchem Zeitpunkt die Chancen zur Zweistaatenlösung versäumt habe. Auch wurde über den Zusammenhang von Irankrieg und Israel gestritten, da Hussein – der immerhin nicht nur arabisch und israelisch, sondern auch persisch spricht (von deutsch und englisch zu schweigen) - auch für diesen die Palästinafrage für konstitutiv hält. Der Kern der Debatte blieb jedoch, welche politischen Instrumente für den Vorschlag eines demokratischen und föderalen Israel eingesetzt werden können, in dem Palästinenser und Juden das zusammenleben lernen. Leider blieb die Antwort doch bei den allgemeinen Vorteilen eines liberalen Miteinanders und jenen, die sich daraus ergeben, dass es keine Grenzen gibt. Bleibt das Konzept also eine Utopie? Hussein berichtete besorgt über faschistische Tendenzen im Land, über eine Verrohung gerade unter jungen Israelis und einen Exodus des Mittelstands. Kann man also nur darauf vertrauen, dass die nationalistische Welle, die neben Deutschland und anderen europäischen Staaten jetzt Israel erfasst hat, auch wieder abebbt?
Interessierte sind herzlich zur kommenden Veranstaltung des Historisch Politischen Colloquiums am Mittwoch, 24. Juni, 16 bis 18.15 Uhr, in Barsinghausen, VHS, Langenäcker 38, zum Thema: „Stand und Perspektiven der deutschen Aufrüstung“, die Veranstaltung ist gebührenfrei.

